Transferable Skills
Produktdesign als Modell für kreative Denk- und Handlungsprozesse
"...weil Erfolg und Misserfolg in der Konkurrenz von Menschen, Unternehmen und Nationen immer stärker von Fähigkeiten abhängen und immer weniger von materiellen Ressourcen."
(Gerhard Schulze: Die beste aller Welten, Hanser Verlag 2003 )
Die durch die Pisa Studie hervorgerufene Unruhe in der Politik ist ein Hinweis auf die Bedeutung von Bildung im globalen Wettbewerb. Die Inflation der Begriffe: "Humankapital", "lebenslanges Lernen", "Informations- und Wissensgesellschaft" kann als weiteres Indiz gesehen werden. Das Internet und die scheinbare Verfügbarkeit unendlichen Datenmaterials geben den Anschein, dass Lernen nur mehr eine Frage des Wollens ist.
Jedoch wer meint, dass die jederzeit abrufbaren Informationen dafür ausreichend sind, irrt. Entscheidend wird es sein, wie wir die uns zur Verfügung stehenden Information nutzen, um damit schöpferische Leistungen von sozialer und wirtschaftlicher Relevanz zu schaffen.
US amerikanische, europäische und japanische Unternehmen sind von Produktionsländern zu Entwicklungsländern mutiert, wobei "Entwicklung" in diesem Kontext als: "Forschen, Entwickeln und Gestalten", im Sinne von technischem und kulturellem Erfinden und Erneuern zu verstehen ist. Bei der Produktion richtet man sich nach dem globalen Angebot, das von Preis, Fertigungsqualität und Lieferzeiten bestimmt wird.
In den späten 1990er Jahren erkannte die britische Regierung die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur schaffenden, besonders durch die Leistungen in den Bereichen: Musik, Design und neue Medien. Die Entwicklung dieser "Creative Industries" wurde daraufhin finanziell hoch gefördert. Seit Jahresbeginn 2005 wird in Österreich ein ähnliches Programm von der Wirtschaftskammer und der Stadt Wien durchgeführt.
Angesicht dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, inwieweit unsere Bildung den zunehmenden Bedarf nach kreativen Köpfen deckt und was von Seite der Bildungsverantwortlichen getan wird, um diese Fähigkeiten zu fördern. Die Form der Kreativität, um die es sich dabei handelt ist Problemlösungskompetenz; die Bereitschaft sich neuen Herausforderungen zu stellen, sich im Denken von Konventionen zu lösen und eigenverantwortliches, umsichtiges Handeln.
Produktdesign erfüllt zu einem großen Teil diese Ansprüche. Im komplexen Prozess der Produktentwicklung und –gestaltung müssen sowohl rationale Aspekte, wie Human Factors, Useability, Ergonomie etc., als auch irrationale Anforderungen, z.B.: die ästhetischen Funktionen (soziokulturelle Anforderungen, Produktsemiotik, Style Codes) berücksichtigt werden. Weiters bestimmen Herstellungstechnologie, Ökonomie und Nachhaltigkeit das Wesen des Produktes.
Produktdesign ist ein zyklischer Prozess, eine Interaktion von Untersuchen, Erfinden, Gestalten und Verwerfen im Spannungsfeld von geordneter Strategie und inspirierter Vision. (In den verwandten Gestaltungsbereichen: Architektur, Informations- und Mediendesign und Modedesign etc. laufen die Entwicklungsprozesse ähnlich).
Kreatives Denken wird nun auch zunehmend in Arbeitsbereichen eingesetzt, die bis dato kaum damit in Verbindung gebracht wurden.
Vergleicht man z.B.: die Forschungsmethoden der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen amerikanischer Universitäten oder des ehemaligen Entwicklungsteams PARK von Xerox mit Designentwicklungen bei Produkten, findet man starke Parallelen, vor allem am Beginn eines Forschungsprojektes. Im scheinbar linearen Ablauf der Forschung, bestehend aus Hypothesenbildung, Experiment und Datenauswertung stellt der Faktor Imaginationsfähigkeit, der Impuls für visionäre Hypothesen einen zentralen Bestandteil des Prozesses dar. Forschung beginnt oft, ähnlich wie viele Gestaltungsaufgaben (auch wenn hierfür meist ein Briefing vorliegt) mit einer anfänglich diffusen Zielvorstellung.
"Wir verbringen bis zu einem Monat nur mit Träumen, Phantasieren und dem Entwickeln von Vorstellungen. Danach beginnen wir mit der Literaturforschung"- (Prof. John Riedl: University of Minnesota : Breakthrough - Stories and Strategies of Radical Innovation: Mark and Barbara Stefik, MIT Press, 2004).
Dies dient dazu, den Geist in eine Art Bereitschaftszustand zu versetzen, um zu einem bestimmten, nicht vorher bestimmbaren Zeitpunkt durch eine Verknüpfung unterbewusst gespeicherten Wissens zu einer außergewöhnlichen Erkenntnis, Idee oder Lösung zu gelangen. Diese Muster der Untersuchung und Lösungsfindung sind ähnlich, egal ob in der Biochemie, technischen Entwicklung, der Gestaltung oder auch im ganz gewöhnlichen Alltag.
Aus guten Ideen sinnvolle Lösungen zu entwickeln ist im weitesten Sinne ein Beitrag zur Lebensqualität. Carl Auböck (1924 – 1993) hat oft gerne gesagt: "Design ist so lebensnotwendig wie Trinken, Essen, Schlafen oder Sex." Wir müssen täglich in irgendeiner Form unser Leben gestalten. Wir alle besitzen diese Kompetenz, ja müssen diese besitzen, sonst hätten wir wahrscheinlich die Steinzeit nicht überlebt. Die menschliche Evolution ist geprägt von der Entwicklung bestimmter Überlebensstrategien, neuer Werkzeuge, sozialer Strukturen, medizinischer Therapien etc. Letztlich sind diese alle das Ergebnis menschlichen Erfindungsgeistes und Gestaltungswillens.
Es sind nicht nur "begnadete" Personen mit Kreativität "gesegnet", das Genie steckt in jedem von uns, einzig die Ausprägung ist bei manchen Menschen stärker als bei anderen. Der Unterschied zu den anderen Fähigkeiten, die wir zum Leben benötigen, liegt jedoch in der Wertigkeit, die ihnen die Gesellschaft zuordnet, sprich welchen Stellenwert sie z.B.: im Fächerkanon der Schule hat. Jeder von uns ist gesetzlich dazu verpflichtet in der Schule Mathematik, bzw. Schreiben zu lernen, obwohl die diesbezügliche Begabung sich bei vielen von uns genauso in Grenzen hält wie unser Ideenreichtum. Ist die Notwendigkeit bestimmte Rechenmethoden zu beherrschen oder einen Aufsatz möglichst grammatikalisch und orthographisch richtig zu schreiben wirklich von höherer Priorität als jene Fähigkeiten zu sensibilisieren, die es uns ermöglichen neue Aufgaben selbstständig zu lösen, ohne auf ein Schema oder eine Denkformel zurück zugreifen?
Was erfordert kreative Problemlösung ? Wodurch werden wir in der Lage sein uns in einer Welt sich rasant ändernder technologischer und sozialer Bedingungen zukünftig zu behaupten ?
Die Fähigkeit, die Ideen und Neues hervorbringt, ist Wissensvernetzung, Die Qualität liegt dabei in der Nutzung von Wissen und Fähigkeiten (Skills) in einer neuen Form in einem neuen Kontext. Diese Denkschule wird im Englischen mit "Transferable Skills" bezeichnet. Konkret: Manche innovative Unternehmen setzen Experten aus einem völlig fachfremden Gebiet ein, um so zu einer unvoreingenommenen Sicht einer bestimmten Aufgabe zu gelangen. Diese Berater abstrahieren das vorgegebene Problem, und transferieren es in Folge in ihre Erfahrungswelt, um dann entsprechende Lösungsmodelle zu erarbeiten. Weiters gehen viele britische Designhochschulen davon aus, dass über 30% der Absolventen und Absolventinnen in Berufe eintreten, die zwar kreative Anforderungen stellen, sich aber nicht explizit mit Produktgestaltung beschäftigen.
Tief greifende Innovation erfordert sowohl Fantasie, als auch Strategie. Imaginationsfähigkeit, Neugier und Experimentierlust generieren eine Vision oder Idee, die durch Zieldefinition, Wissensbeschaffung und Untersuchung, bzw. Denkflexibilität zu einer außergewöhnlichen Lösung führt.
Pädagogisch gesehen bietet Design und Produktentwicklung ein stimmiges Modell zum "Erlernen" dieses Transferdenkens durch das Erfahren des Designprozesses. Im Rahmen des Studiums Design, Architektur und Environment für Kunstpädagogik an der Universität für angewandte Kunst Wien, (das zu einem Lehramtsabschluss in Werkerziehung befähigt), wird Transferdenken vermittelt. Ziel ist es, Absolventinnen und Absolventen mit jenem Instrumentarium zu versehen, das ihnen ermöglicht, Innovationsprozesse zu initiieren, zu begleiten und zu evaluieren.
Dabei ist Design Mittel zum Zweck. Durch fachdidaktische Schulung und begleitende Reflexionsprozesse lernen die Studierenden im Rahmen der gestalterischen Projektarbeit ihre persönliche Arbeitsweise zu erkennen und zu verstehen, bzw. Methoden zu entwickeln um diese Prozesse zu planen und zu vermitteln.
Querdenken als Innovationsinstrumentarium wird in der Wirtschaft sehr geschätzt Für diesbezügliche Managerseminare ist man bereit hohe Preise zu zahlen. Oft besteht die Aufgabe darin, längst verloren Geglaubtes wieder freizulegen d.h.: die kindliche Neugier und Experimentierfreude wieder zu aktivieren – jener Nährboden der Kreativität der von Elternhaus und Schule meist wenig gefördert wurde.
Designpädagogik, als Weiterentwicklung des Faches mit dem anachronistischen Titel: "Werkerziehung" hätte diesbezüglich in der Schule eine zentrale Aufgabe zu erfüllen. Anstatt, wie in manchen Schulen zum "Basteln" von Modellen aus vorgegebenen Bausätzen missbraucht zu werden, sollte man sich auf die ursprüngliche Aufgabe zurückbesinnen, nämlich "werkorientiert" zu lernen, anhand der Entstehung eines konkreten Werkstückes den Planungs-, Erfindungs- und Gestaltungsprozess sowohl kognitiv, wie affektiv zu erfahren. Der Entstehungsprozess eines Produktes ist die Grundlage der "Transferable Design Skill" , jedoch müsste die Lösungsqualität durch Hervorhebung des intellektuell-schöpferischen Anteils der Gestaltungsarbeit gehoben werden. Dies bedarf einer curricularen Erweiterung in Richtung: Experimentelles Forschen, Untersuchungs- und Beobachtungsmethoden, Brainstormingmethoden, strategische Planung usw., das auch ein entsprechendes Ausmaß an Unterrichtsstunden erfordert.
Auch wenn es hohe Anforderungen an Schulsystem und an die Motivation der Lehrer stellt, sollte das Innovationspotential einer schulischen Designpädagogik mittels fächerübergreifender Schulprojekte wahrgenommen werden, wie bei einem Projekt des Wiener Schulschiffes, das ich in Zusammenarbeit mit Dr. Ruth Mateus und Mag. Christian Halmer durchführte. Im Rahmen eines Designprojektes unter Einbeziehung der Fächer Kunstpädagogik und Sport entwickelten Schüler der 5. Klasse Ideen für neue Sportgeräte.
Letztlich ist kompetentes gestalterisches Denken und Handeln nicht nur ein Mittel, um sich dem internationalen Wettbewerb zu stellen, sondern soll dazu beitragen, initiative, eigenverantwortliche und mündige Bürger heranzubilden. Dieser Verantwortung darf sich die Schule nicht entziehen.
Univ. Prof. James G. Skone
Leitung : Design, Architektur und Environment für Kunstpädagogik
am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
der Universität für angewandte Kunst Wien
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