Untersuchung eines Computer-Programms auf kreative Potentiale
 
090615_polynomy-buch
 
Wie man mit Design mathematische Problemstellungen begreifbar machen kann und welches Potential Designpädagogik hat.

Zwei Studierende der Abteilung Design, Architektur, Environment für Kunstpädagogik, Petra Ilias und Walter Lunzer, beschäftigten sich betreut durch die Lehrende Ruth Mateus-Berr, mit dem Computerprogramm POLYNOMIOGRAPHY©. Das Programm wurde von Bahman Kalantari entwickelt. Kalantari will mit diesem Programm die Angst vor Mathematik spielerisch (auf)lösen und die Schönheit algebraischer Gleichungen demonstrieren.
 
Designbriefing
Untersuchung des Programms POLYNOMIOGRAPHY© auf kreative Potentiale und damit verbundene pädagogische Einsetzbarkeit. 

 


 
Das Programm ist selbst schon eine interessante Metapher für Design Thinking. Um die Wurzeln bzw. Nullstellen einer komplexen Polynomfunktion zu finden, beginnt es von einem beliebigen Punkt aus sich immer näher an die tatsächlich gesuchten Punkte heranzutasten - mathematisch ausgedrückt: die durch Differentialgleichungen bestimmten Iterationen konvergieren zu den Nullstellen. Kurz gesagt, das Programm sucht nach Lösungen und zeigt diese mittels iterativer Lösungszyklen in einem Design-Prozess an. Ausgehend von wenigen Formeln entstand eine Fülle von Assoziationen, die kreativ umgesetzt wurden. Von dem Weg des Flugzeugs von Wien nach New York, dem U-Bahnnetz Wiens, einem barocken Garten mit seiner unendlichen Symmetrie, der Reise Maria Sibylla Merians (1647-1717) auf Entdeckung der Herkunft von Schmetterlingen (..) entstanden Landschaften und sie bewohnende Wesen mit Objekten. Interdisziplinäre Zugänge durch Geographie, Biologie, Mathematik, Philosophie, Sprache und Designlösungen fanden hier synergetisch ihren Raum. Zukünftige Designpädagog/innen agieren hier als Übersetzer/innen.

DesignTranslation (MATEUS, SKONE 2009) kann zu jeder Aufgabenstellung stattfinden, einem Computerprogramm, einer Formel, einem Satz, einer Zeichnung, einer Fragestellung. Petra Ilias und Walter Lunzer agierten schöpferisch impulsiv, dem Wunsch folgend, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen. (SENNET 2008:19). Dieser Wunsch und das Erlebnis, ganz in seiner Arbeit an einem Werkstück - sei es in diesem Fall ein Computerprogramm - und dessen kreativen Impulse zu versinken, ist das, was die moderne (Arbeits-) Psychologie als Flow (CSIKSZENTMIHÀLY 1975) beschreibt. Auch beim Herstellen sollten Denken und Fühlen eine Rolle spielen. Und es ist das, was Menschen in der modernen Welt scheinbar eher in ihrer Freizeit und nur selten bei der Arbeit erleben, und Schüler/innen in der Schule fehlt.

„Wenn Studierende diese Arbeitsatmosphäre bereits während dem Studium erleben, besteht Hoffnung auf einen Paradigmenwechsel in Schulen durch Designvermittlung. Es ist ein optimaler Weg, mathematische Problemlösungen auf diese Weise in der Schule zu finden“, so Prof. James Skone, Leiter der Abteilung, der diese Richtung der Designvermittlung an der Angewandten etabliert hat.

Bei der Präsentation an der Rutgers University im Rahmen des „DIMACS Workshop on Algorithmic Mathematical Art: Special Cases and Their Applications“ im Mai 2009 sollte die Arbeit auch außergewöhnlich präsentiert werden. Nicht als Frontalvortrag, sondern mittels „Loud Thinking“ und Reflexion über die Kreativimpulse, ließen die Workshopleiter/innen das Publikum an ihren Erlebnissen teilhaben. Für die Präsentation wurde von Petra Ilias, Walter Lunzer und Ruth Mateus-Berr eine eigene Methode entwickelt: performathics©.

Innerhalb von etwa drei Monaten wurde nun mit der Technik Design Thinking (BROWN: 2006), Design als Denk- und Handlungsprozess, im Dialog nach unterschiedlichen Lösungsmodellen gesucht. Prof. James Skone beschreibt das wesentliche bei diesem Prozess: „Man muss dabei alle, auch verrückte Ideen, zulassen, Fehler machen und Spaß haben. Design – als zyklischer Prozess verstanden – ist Interaktion von Untersuchen, Erfinden, Gestalten und Verwerfen im Spannungsfeld von geordneter Strategie und inspirierter Vision. (einer Schule der Zukunft?) Die reale Umsetzung für den „User“ ist Bedingung in einem Design Thinking & Doing Modell.“

Ein großer Lehrer, so Richard Sennet, verunsichert, sorgt für Unruhe und lädt zum Nachdenken ein. (SENNET 2008:15) Dies ist auch jene Aufgabe, die Designvermittlung gesellschaftspolitisch hat. Nicht routinierte repetitive Schulunterrichtsformen, sondern projektorientierte, fächerübergreifende und interaktive Dialoge fordert Rektor Bast. (DIE PRESSE 2009)

Das Projekt „The Way Polynomiography-Things Go“ wurde erstmals an der Rutgers University/USA im Rahmen des „DIMACS Workshop on Algorithmic Mathematical Art: Special Cases and Their Applications“ im Mai 2009 präsentiert.

Text: Ruth Mateus-Berr